Nach Indien hatte ich irgendwie auch vor der Türkei Respekt als Reisedestination. Da half es nicht wirklich, dass in der Maschine der Turkish Airlines gleich hinter mir zwei stämmige Genossen mit echt breitem Nacken Platz nahmen. Ihr schmutziges Lachen erinnerte mich unangenehm an „Midnight Express“. Wer den Film kennt, weiss was ich meine…

Als die beiden Hinterbänkler dann beim Überflug von Sorrento bei Neapel über Geographie zu fachsimpeln begannen, habe ich instinktiv und subtil meinen Sicherheitsgurt etwas angezogen.

Rifki 1 zu Rifki 2: Bu ne ÅŸehridir? (habe ich auch nicht verstanden)
Rifki 2 zu Rifki 1: Napoli (kann überhaupt nicht gewesen sein)
Rifki 1: Das ist in Italien, oder? (das habe ich dann doch verstanden)

Phuh, gute Nacht bei der Drogenkontrolle! Die stecken mir GARANTIERT etwas mörderisch Illegales in den Rucksack und ich kann kein Türkisch, um mich rauszuhauen…

Und noch dazu hatten wir beim Anflug ziemlich heftige Turbulenzen. Dass die fliegende Kiste nicht in tausend Stücke barst, ist schon noch erstaunlich. Danke Airbus!
Sogar aus der Bordküche war Hühnergeschrei und klirren von Besteck zu hören.

Ich habe meinen Sicherheitsgurt unmissverständlich enger geschnallt.

Aber wie beruhigend, dass der Claim von Turkish Airlines ‚Fly with the Best‘ heisst: Entsprechend sicher setzte die Cockpit-Crew den Vogel in den Nebel der Landebahn von Istanbul-Atatürk.

Beim aussteigen versuchte ich mich an den Midnight Express Jungs vorbeizumogeln. Aber die Kerle waren einfach zu breit für mich. Irgendwie konnte ich sie dann doch noch abschütteln, wahrscheinlich da wo es hiess ‚Other Passports‘. Da bin ich zackig abgebogen und los war ich sie. Phuh, das hätten wir nochmal geschafft… (Angstschweiss abwisch‘).

Nur dumm, dass ich ja noch in die Stadt musste. Und zu allem Übel nachts um 22 Uhr auf die andere Seite der Stadt… Da mochte ich mich nicht mehr mit der U-Bahn abmühen und suchte ein Taksi. Keck fragte ich den Drogenspürhund, ob Mann denn hier alle Taxis nehmen könne oder ob es da auch so halbdurchsichtige gibt, die man lieber meidet. Mit ‚I don’t know‘ konnte ich natürlich nicht viel anfangen, aber da alle auf die orange-gelben Kisten warteten und es keine andere Farbe zu geben schien, schnappte ich mir auch so ein Gefährt.

Taxi in Istanbul

Der Fahrer, ein älterer Herr, sprach selbstverständlich kein Englisch, dafür aber etwa 3 Wörter Deutsch. „Ein bisschen“ waren zwei davon. Naja, mit ein bisschen auf dem Tablet und Google Maps rumfuchteln und einer Telefonnummer konnte er uns auf den Weg bringen. Und wie!

Istanbul scheint eine Stadt zu sein, wo zwar Verkehrsschilder und allenfalls Verkehrsregeln existieren, diese für Taxis aber offensichtlich nicht gelten. Der ältere Herr kannte nur eine Tube, nämlich die gedrückte, und liess alles stehen was Rang und PS hatte. Ein einziges Mal musste er sich von einem jüngeren Berufskollegen und von sonst noch einem Spinner überholen lassen.

Meist links – aber wenn nötig auch mal rechts – zischte er mit unserem eckig-orangen Flitzer dem Bosporus entlang durch die Istanbuler Nacht, dass es eine Freude war!
Mein nigelnagelneues Google Nexus 7 NVIDIA Tegra 3-Quad-Core Jelly Bean 4.2 Tablet und sein Google Maps hatten ihre liebe Mühe, dem Standort des älteren Herrn zu folgen.

Den Tacho hatte ich zum Glück nicht im Blickfeld. Mir reichte es, die wie in der Formel 1 sich vor uns kreuzenden Autos optisch auseinanderzudividieren. Der ältere Herr liess sich davon ÜBERHAUPT nicht beeindrucken und als seine Nase auch noch Putzbedarf anmeldete, wuselte er sich halt einhändig durch die Blechlawine. Dass er das kann, hatte er natürlich schon vorher beim telefonieren auf der Autobahn demonstriert…

Geschüttelt und gerührt war ich dann doch erstaunlich schnell im Hotel.

Taxi #2: Jünger und (noch) schneller?

Okééé!

Taksi-Fahrer Nummer 2 war jünger als der ältere Herr und entsprechend gebannt war ich auf meinen nächsten Ride. Englisch konnte er glaubs noch weniger als sein Kollege vom Vorabend. Dafür konnte ich inzwischen mein Quartier Ortaköy von mir geben, allerdings wahrscheinlich nicht ganz akzentfrei, so dass er unsere türkische Konversation darauf beruhen liess.

Taxi in Istanbul

Anyway. Fahren wir endlich los!

Im engen Altstadtquartier liess er beim Anfahren demonstrativ schon mal einen Schwarzen liegen (also gut, ein bisschen Rollsplitt lag da auch noch rum). Es dauerte allerdings nur wenige Kurven bis in den dichten Abendverkehr, wo auch die Dynamik dieser Taxifahrt abgewürgt wurde.

Dafür kannte der Fahrer ALLE Ampeltricks, die der liebe Herrgott nicht verboten hat: Drohte eine Ampel auf Rot zu wechseln, gings mal zack links um die Insel, mal täuschte er rechts ein Abbiegemanöver an, nur um weiter vorne wieder einzubiegen und so zu tun, als wäre er von rechts reingefahren.

Soweit der Verkehr es zuliess, bevorzugte er die volle Fahrt mitten auf der ausgezogenen weissen Linie, um im letzten Moment zu entscheiden, ob es links – nein, diesmal zack rechtsrum – gehen sollte.

Und wieder richtig entschieden! Ich glaube der Trick rechtsherum brachte mindestens gefühlte 30 Hundertstelsekunden Zeiteinsparung.

Wusste ich sehr zu schätzen.

Nur eben, irgendwo kam der Schwung abhanden und irgendwann total zum erliegen. Also steckte er sich ersatzweise eine Zigarette an.

WIE BITTE?!

Korrekt. Eine Zigarette. Die Marke konnte ich leider nicht erkennen.

Aber ehrlicherweise muss ich zugeben, dass er sehr rücksichtsvoll vorging: Der Glimmstengel hing immer zum Fenster hinaus und auch zum ausatmen hangelte er sich weit zum Fenster hinaus. Der Fahrersitz war jeweils zu diesem Zeitpunkt praktisch unbesetzt.

Auch das kein Problem also…

Taxi im Stau in Istanbul

Und so brachte er mich im zweispurigen Verkehrs-Staccato an wilden Schlägereien im Ausgehviertel vorbei doch noch sicher in meine Loge.

Und überraschte mich mit einem „Good bye“!
Immerhin…

#3 jetzt mal morgens: Diesmal mit Adresszettelchen!

Ich denke ich habe es schon erwähnt, Englisch ist nicht die grösste Stärke der Istanbuler Taxi-Fahrer, ihr Fokus liegt eindeutig auf dem Gaspedal.

Umsichtig wie sie in meinem Hotel sind, gaben sie mir ein Zettelchen mit Adresse meiner nächsten Destination mit auf den Weg. Weil tatsächlich, Taksi-Fahrer Nummer 3 konnte glaube ich nicht mal mehr die beiden englischen Startwörter „Thank you“…

Auch er musste sich dem übermächtigen Verkehr beugen, liess zwischendurch aber trotzdem seine fahrerische Klasse aufblitzen. Beispielsweise als einmal der grosse Otobüsü neben uns mir nichts dir nichts auf unsere Spur rüberscherte. Mit dem kleinen Ausweichmanöver – aber ohne Hupe – und einem stoischen Schliessen der Augen (!) war auch diese Situation bewältigt.

Verbeultes Taxi in Istanbul

Den grossen Herzlupfer hatte ich allerdings dann doch noch, als er unvermittelt das Fenster leicht öffnete und auf einmal der volle Strassenlärm ins Taksi drang…

Und nochmal leicht verduzt schaute ich aus dem Fond des Wagens, als er mal mit Handbremse überfallmässig anhielt und in ein McDonald’s stürmte

What the heck?!

Das McDo war zum Glück noch geschlossen, so dass die Fahrt weitergehen konnte. Als er danach jeden Motorradfahrer aus dem Fenster hinaus etwas fragte und einigermassen wirr durch die Gegend fuhr, schloss ich, dass er nach der Adresse fragte. Die hatte er ja auf dem Zettelchen. Aber halt kein Navi

Schlussendlich gab er in einer Einbahnstrasse auf (wir waren die einzigen, die in die entgegengesetzte Richtung zu fahren versuchten) und bedeutete mir, die letzten 200 Meter zu Fuss zu gehen.

Kein Problem.

Zum nächsten Termin habe ich die Strassenbahn genommen. Aber dafür kaum etwas erlebt…

Mit #4 zurück zum Flughafen – au weia…

Vierte von vier Taxifahrten: Ende der Trilogie.

Da ich die Strassenbahn schon kannte und die Lire in der Hosentasche noch genau für eine letzte Taxifahrt und ein Wasser reichten, gönnte ich mir nochmal die Mutter aller Höllenritte.

Diesmal kam der verwegene Ferodun zum Zug.

Ferodun (rechts) und Kollege

Verwegen: Fahrer Ferodun (rechts) und Kollege – gleich „fliegt“ er mich zum Flughafen

Wie wir schon ahnen, tut dem Bleifuss sein leicht erhöhtes Alter überhaupt keinen Abbruch. Die Strasse zum Flughafen ist also definitiv ihre Rennstrecke. Hier ist der Verkehr zwar auch dicht, aber flüssig bis schnell und mit genügend Abstand zwischen den Autos – also einen halben Meter, nicht wie in der Formel 1 mehrere Sekunden. Das erlaubt es den Jungs, die Spur zweimal wechseln zu können während Normalsterbliche einmal geblinzelt haben.

Oder nochmal ganz langsam: Der Gleichgewichtssinn sagt einem beim Blinzeln, dass sich das Taxi seitwärts bewegt haben muss. Beim Öffnen der Augen sieht man sich irritierterweise aber immer noch auf der gleichen Spur…

Dass Gyroskop von Tablet und Smartphone solche Manöver überhaupt unbeschadet überstehen, ist eigentlich ein kleines Wunder der Technik… Und dass unsere Sinne auch das verkraften, ist grad auch erstaunlich, weil meines Wissens mussten Höhlenbewohner keine derartigen Beschleunigungen aushalten.

Aber item, die Beschleunigung in diesen gelben fliegenden Kisten ist also noch beachtlich. Würde man ihnen gar nicht so geben, wenn man sie träge im Stau rumstehen sieht.

Taxis im Stau in Istanbul

Für’s probieren zu Hause: Man öffne das Autofenster halbe (gehört zum Stunt, haben die hier auch so) und drücke mal eben innerorts das Gaspedal in einem Ruck durch auf 5000 bis 6000 Touren. Oder jedenfalls dahin, wo der rote Bereich beginnt. Dann hat man etwa das Feeling…

Dass die Strasse übersät ist mit Hinweisschildern auf das Elektronik Delentle System scheint hier kein Mensch zu interessieren: weder die Zivilisten noch die Taxifahrer, weder Otobüsü noch fliegende Kisten.

Und angeschnallt ist auch nie einer dieser Teufelskerle. Wäre wahrscheinlich ein Zeichen von Angst, und die darf man auf keinen Fall zeigen, weil in Istanbul gilt klar das Gesetz des Stärkeren: Zuerst die Autos, dann die Fussgänger. Fahrräder habe ich keine erspäht. Wonder why…

Aber auch hier, man fühlt sich bei Ferodun wie bei seinen Kollegen trotz aberwitzigen Beschleunigungswerten jederzeit sicher und hat sogar noch die Musse, Notizen über die letzte Kurve ins Tablet zu hämmern.

Taxi-Istanbul-7

Ou!

Da kommt mir grad noch eine Idee! Es gibt ja bekanntlich nichts, das es nicht gibt, also werde ich mir für meine nächste Rückkehr nach Istanbul eine G-Beschleunigungs App besorgen wollen :-)

Danke Jungs für die Action, görüshürüz!

Taxi in Istanbul

Und zum Schluss für all jene, die neben ihrer Flugangst jetzt auch noch Taxiangst bekommen haben: Allenfalls sind meine Schilderungen leicht übertrieben… Ich werde jederzeit guten Mutes wieder zusteigen :-)

Aber es gibt auch andere Stimmen…

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Über unsere Reiseblogger

Walter Schärer ist leidenschaftlicher Vielreisender, Taucher, Golfer, Fotograf und Reiseblogger für reisememo.ch. Und Philosoph und Humorist und für Acryl auf Leinwand hat er auch eine Passion. Und über Gourmet-Restaurants schreibt er neuerdings auch noch... Walter ist Mitglied im Swiss Travelwriters Club.

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