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Tipps für beflissene Food-Blogger: Welche Stile der Food-Fotografie gibt es? Wie verhält es sich mit Farben? Wie mit Proportionen und Tiefenschärfe?

Von Proportionen oder dem goldenen Schnitt

In der Fotografie wie in der Malerei, Architektur oder Bildhauerei sind Proportionen von zentraler Bedeutung: Sie stellen Bezüge her zwischen den dargestellten Objekten und rücken sie ins rechte Licht. Im besten Fall stellen Proportionen die Objekte in ein Spannungsverhältnis zu Rand oder Hintergrund.

Aber was ist ein „Spannungsverhältnis“? Und wie erreiche ich es?

Ein Verhältnis im gestalterischen Sinne ist der Bezug zwischen zwei Werten, z.B. 1 zu 2.

In der Natur kommt ein Verhältnis besonders oft vor und zwar 1 zu 1.618033. Das scheint ein eigenartiger und zufälliger Wert. Analysiert man aber verschiedene Formen mathematisch, wird man recht schnell auf die Zahlenreihe 1 – 1 – 2 – 3 – 5 – 8 – 13 – etc. stossen, die nach einem Mathematiker benannte Fibonacci-Reihe: Man zählt die zwei letzten Werte zusammen und erhält so den nächsten Wert.

Leonardo Fibonacci: 0,1,1,2,3,5,8,13, ?

Welche Proportion versteckt sich hinter dieser Zahlenreihe?

Spirale von Fibonacci-Zahlen

Goldene Proportionen der Fibonacci-Zahlen

Je höher die Werte, also z.B. 3:5 oder 5:8 desto mehr nähert sich ihr Verhältnis dem Wert 1.618033, besser bekannt als goldener Schnitt!

Weil dieser Wert in der Natur omnipräsent ist und sich unser Auge daran gewöhnt hat, erkennen wir ihn als „natürlich schön“.

Vase-Tulpen-ProportionenDeshalb kauft Mann ja mit Vorteil immer eine ungerade Anzahl Blumen, z.B 3 oder 5. Fallen sie in der Vase in entgegengesetzte Richtungen, stellen sie immer ein Spannungsverhältnis wie 1 zu 2 oder 2 zu 3 dar und sehen also „natürlich“ schön aus ;-)

Gern geschehen, Jungs! Thank me later ;-)

Symmetrie ist auch schön, also ein Verhältnis von 1:1, aber nicht besonders spannend. Verhältnisse von 2:3 oder 3:5 gelten als Spannungsverhältnisse, weil sie zwischen den Objekten einen kraftvollen und vom Auge erkennbaren Bezug herstellen.

Und was hat das jetzt mit meiner Fotografie zu tun?

Nun, als erstes heisst das, dass man Personen nur in Ausnahmefällen in die Mitte eines Fotos rücken sollte. Das wird vermutlich eine langweilige Aufnahme. Man sollte sie je nach Hintergrund nach links oder rechts so aus der Mitte heraushalten, dass zwischen links und rechts ein Spannungsverhältnis entsteht.

Dasselbe Prinzip lässt sich auf Food-Fotographie anwenden: Das Sujet sollte nicht in der Mitte positioniert werden, sondern mit Vorteil nach einer Seite versetzt im Verhältnis 1:2. Deshalb haben viele Fotoapps von Smartphones zwei Linien im Suchfeld: Man kann sie verwenden, um Objekte präzis im Spannungsverhältnis 1:2 auszurichten. Und zwar in der Breite wie auch in der Höhe.

Food-Foto Stilrichtungen

In der Food-Fotografie gibt es hauptsächlich zwei Richtungen, „Flat Lay“ Aufnahmen und die räumliche Perspektive. Erstere bezeichnet von oben fotografierte Teller und Gerichte, Zweitere von der Seite geschossene Aufnahmen.

Soweit ich beobachten kann, ist es eine Geschmackssache, welche der beiden Richtung man bevorzugt. Bei Flat Lay ist allenfalls darauf zu achten, dass man das Gericht nicht einfach in der Mitte des Fotos abbildet. Da müsste schon das Essen selber für die Spannungsverhältnisse auf dem Teller sorgen, damit es eine attraktive Aufnahme wird. Und bei perspektivischen Fotos ist auf noch viel mehr zu achten…

Hier meine 14 Tipps für Food-Fotos und Gestaltungsprinzipien dahinter

Wo kein Copyright angegeben ist, sind die Fotos von mir. So kann ich sie kritisieren, ohne mir eine Watschn einzufangen ;-)

1. Flat Lay mit angeschnittenem Teller für erkennbare Proportionen

Durch das Abschneiden, oder eben setzen des Bildrandes, werden Proportionen von runden Elementen erst lesbar. Runde Objekte sind schwieriger in Spannungsverhältnisse zu setzen, da die Flächen zwischen ihnen für das Auge schwierig erfassbar sind. Geometrische Grundformen erkennen wir leichter.

Folgende Komposition von Charlotte Meyer spielt gekonnt mit weichem Seitenlicht und einem Spannungsverhältnis zwischen Hauptmotiv und unscharfen „Störern“ am Rand. Das Auge wandert gespannt hin und her.

Flat Lay Food-Foto von Charlotte Meyer

© Charlotte Meyer von Chef’s Handyman

2. Flat Lay mit weichem Seitenlicht

Durch das weiche Seitenlicht ergeben sich im folgenden Foto diverse Schattennuancen. Bei der Verwendung im Wirtschaftsmagazin Bilanz wurde das Bild passend geschnitten, ähnlich wie obige Aufnahme von Charlotte.

Flat Lay Foodfotografie von Fabian Häfeli

© Fabian Häfeli von fabianhaefeli.ch

3. Spiegelungen gestalterisch einsetzen

Spiegelungen von Leuchten oder Kerzen können den Bildaufbau unterstützen. Bei „schönem“ Licht im Restaurant ist anschliessend aber auf die Farbtemperatur des Fotos zu achten: Ein Gelbstich ist fast vorprogrammiert! In Bildbearbeitungstools wie Adobe Lightroom lässt sich das einfach beheben.

Jakobsmuschel mit Meeresböhnchen, Melone und Erdnuss

Leicht schief aufgenommenes Foto mit Gelbstich

In Lightroom kann das Foto auch leicht gedreht werden, wenn die Ausrichtung nicht stimmt, siehe schiefe Gläser. Auch lassen sich „Highlights“ wie Kerzen oder Scheinwerfer etwas dimmen, damit sie nicht so stark aus dem Bild fallen.

Bildbearbeitung in Adobe Lightroom

Bildbearbeitung in Adobe Lightroom

Als Farbkorrektur kann man den Schieber für Weiss etwas hochdrehen, dann erscheinen Teller weisser und das Essen kommt stärker zur Geltung. In der Galerie ist der generelle Gelbstich der noch nicht bearbeiteten Fotos gut zu erkennen.

4. Blende nicht allzu gross wählen, sonst ist zu wenig erkennbar

Die Tiefenschärfe lässt sich mit der Blende steuern: Eine tiefe Blendenzahl wie 3.5 bedeutet eine grosse Blende, also eine grosse Öffnung. Dies reduziert die Tiefenschärfe. Kleine Blenden wie 16 oder 18 erhöhen die Tiefenschärfe. Wie folgendes Foto zeigt, sollte man die Blende nicht allzu gross wählen, sonst ist auf dem Foto zu wenig zu erkennen.

Smartphones der neusten Generation simulieren diesen Effekt mittels Software. Man markiert auf dem Sucher die Stelle, die scharf sein soll, der Rest wird leicht unscharf dargestellt.

Zanderfilet im Equinox Restaurant des Marriott Renaissance Zürich

Zu grosse Blende, auf dem Foto ist zu wenig scharf zu erkennen

5. Bewegung kann man auch als Video einfangen!

Wenn es „Action“ auf den Teller gibt, sollte die Kamera bereit sein… (allenfalls auch mit Video).

Maissuppe mit gegrillten Crevetten

Auch für Video geeignet: Action beim Servieren

6. Essen zu Zweit

Isst man in guter Gesellschaft, kann der zweite Teller als weiteres Gestaltungselement herhalten. Es ist darauf zu achten, dass die weiteren Personen das Bild nicht stören.

Schokoladen Mousse, Canache, Eis, Brownie und Schnee

Zweiter Teller als Dekoration in der Bildkomposition

7. Diagonalen geben der Bildkomposition Dynamik

Fotos mit diagonalen Elementen wirken oft lebendiger.

Chefkoch Christian Geisler und Ingo bei der Anrichte

Christian Geisler vom Kunsthof in Uznach
© Walter Schärer

Grossküchen wie diese von Christian Geisler aus dem Kunsthof in Uznach sind meist zwar relativ gut ausgeleuchtet, meist empfiehlt sich trotzdem das Fotografieren mit externem Blitzgerät. Die Köche bewegen sich nämlich meist bei der Arbeit – im Gegensatz zu ihrem Essen, das man immer ohne direkten Blitz fotografieren sollte. Das wird selten etwas.

8. Auf eindeutige Proportionen und Spannungsverhältnisse achten

Dieses Foto versucht zwar, dynamisch wirkende diagonale Elemente einzusetzen, nimmt dafür aber das Hauptsujet zu stark in die Mitte. Dadurch verliert es an Proportionen und damit an Kraft. Einmal vom Gelbstich abgesehen ;-)

Seezungenfilet mit Schwarzwurzel und Paranuss

Sujet zu stark in der Mitte und erst noch mit Gelbstich

9. Eigene Bildsprache entwickeln

Mit der Zeit wird die engagierte Fotografin, der anspruchsvolle Fotograf, eine eigene Bildsprache entwickeln wollen. Ich versuche es aktuell mit „Störern“, also Objekten, die das Bild eigentlich stören, dadurch aber auch den Fokus auf das Relevante lenken.

Oder das Interessante kaschieren und dadurch neugierig machen.

Forelle mit Schwartenmagen und Randen

Versuch der eigenen Bildsprache mit „Störern“ im Bild

10. Früh im Restaurant erscheinen

Als Food-Blogger lohnt es sich, früh in Restaurants zu erscheinen. So kann man die Location fotografieren bevor man in Copyright– oder Privacy-Probleme mit anderen anwesenden Gästen gerät. Ich empfehle, grundsätzlich keine weiteren Gäste zu fotografieren. Man könnte dadurch ja auch das Restaurant in Copyright-Schwierigkeiten bringen…

Restauranttisch und Leuchten im Oitavos, Portugal

Früh im Restaurant zu erscheinen kann sich lohnen

Tischgedeck und Leuchten an den Sternennächten im Mercedes Museum in Stuttgart

Noch nicht besetzte Tische im Mercedes Museum

11. Abdunkeln mit einer Vignette

Je nach Sujet kann eine Vignette ein geeignetes Stilmittel sein, um den Fokus zu legen: Durch eine verlaufende, leichte schwarze Umrandung wird die Mitte betont.

Tische im Restaurant Casual des Hotel Stue in Berlin

Vignette: Abgedunkelte Ränder unterstützen den Fokus auf die Mitte

12. Farbwelt dem Sujet anpassen

Die Farbwelt eines Fotos kann das dargestellte Essen unterstützen, z.B. braunen Kaffee.

Kaffee und Kuchen von Nicolas Glauser von travelita.ch

© Nicolas Glauser von travelita.ch

13. Storytelling einsetzen

Ein Foto kann auch das beabsichtigte Storytelling unterstützen: Im folgenden Beispiel ist der Titel des Artikels „Kein Tex-Mex„. Aber genau danach sieht das Foto doch aus, sagt sich der geneigte Leser und fährt neugierig mit der Lektüre fort.

Kein Tex-Mex gemäss Harrys Ding

© Harry H. Meier von Harrys Ding

Storytelling sollte man generell grosszügig einsetzen: Ein lapidarer Beschrieb des Restaurants und des gebotenen Essens ist einigermassen langweilig nachzulesen. Mit Storytelling-Methoden sollte ein Spannungsbogen nicht nur in den Fotos, sondern auch in der Geschichte gefunden werden. Hier ein Beispiel, wie der Storytelling-Berater Joel Blom die englische About Us Seite unseres Reiseblogs per Storytelling aufgepeppt hat.

Zusammengenommen achtet der auf gute Aufnahmen bedachte Food-Blogger also auf

  • Proportionen im goldenen Schnitt
  • Farbgebung
  • Lichtführung
  • Vorder- und Hintergrund
  • Unterstützende Gegenstände
  • Vollflächige oder teilweise Abbildung
  • Aufnahmewinkel vs. Flat Lay
  • Lichtführung
  • Weissabgleich
  • Tiefenschärfe

Und natürlich auf gutes Essen ;-)

Aber 13 Tipps sind natürlich nicht 14. Deshalb hier noch ein kleiner Trick:

14. Food-Blogger Extra-Tipp für bessere Bilder-SEO: Speisekarte fotografieren!

Die Suchmaschinenoptimierung (SEO) kann man mit relevanten Keywords erhöhen. Aber auch die Fotos können mit Namen versehen werden, die den Inhalt beschreiben. Das macht es Suchmaschinen leichter, die relevanten Fotos zu zeigen, wenn jemand in Google Bilder sucht. Damit man später bei der Bildbearbeitung noch weiss, was man gegessen hat, lohnt es sich, die Speisekarte zu fotografieren!

Speisekarte von Relais & Châteaux

Danke den Food-Bloggern oder -Fotografen Charlotte, Fabian, Nicolas/Anita und Harry für die Zurverfügungstellung ihrer Fotos!

En Guete mitenand!

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Über unsere Reiseblogger

Walter Schärer ist leidenschaftlicher Vielreisender, Taucher, Golfer, Fotograf und Reiseblogger für reisememo.ch. Und Philosoph und Humorist und für Acryl auf Leinwand hat er auch eine Passion. Und über Gourmet-Restaurants schreibt er neuerdings auch noch...Walter ist Mitglied im Swiss Travelwriters Club.

2 Kommentare

    • Danke ;-)

      Ja, Anfänger fotografieren mit diesen Regeln besser und gute Fotografen wissen damit, warum ihre Fotos gut sind ;-)

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