Ist Costa Rica die Schweiz Zentralamerikas?
Costa Rica gilt als die Schweiz Zentralamerikas. Aber warum eigentlich?
Ich mache mich vor Ort auf Spurensuche.
Wahrscheinlich meint man ja mit «Costa Rica – La Suiza centroamericana» die schön grüne Landschaft, den relativen Wohlstand, die Neutralität und die bergige Landschaft.
Landschaft und Natur
Berge und Vulkane
In Costa Rica haben sie schöne Vulkane, z.B. Arenal oder Tenorio.
Die Schweiz hat das majestätische Matterhorn. Und Eiger, Mönch und Jungfrau. Die sind natürlich unnachahmlich. Das kann man nicht vergleichen.
Am Fusse der Vulkane hat Costa Rica diverse Thermen.
Die Schweiz hat die Therme Vals und Bad Ragaz u.v.m.
Aber daran liegt der Vergleich glaube ich auch nicht.
Flora und Fauna
Das Schweizer Nationalviech ist die Kuh. Ohne Kühe wäre unsere Landschaft nichts.
In Costa Rica stehen auch Kühe herum, aber der Tucan steht eher als Symbol für das Land.
Die Schweizer Kühe sind zwar viel grösser als Costa Ricas Tucan und sie geben auch mehr Milch, bezüglich Exotik und Farbenpracht ist der Tucan aber weit voraus.
Da kann der Vergleich auch nicht herrühren.
Die Schweizer Nationalblume ist das Edelweiss.
Die costaricanische Nationalblume ist die Guaria Morada, eine violette Orchidee.
Beide wachsen in den Bergen, beide sind selten – aber bezüglich Farbenpracht gewinnt wieder Costa Rica.
In beiden Ländern ist es dank des vielen Regens grün wie verrückt.
Das führt in Costa Rica zu gleich vier verschiedenen Waldarten: Tropischer Regenwald, Nebelwald, tropischer Trockenwald (die Bäume werfen in der Sommerzeit! ihre Blätter ab) und Mangrovenwald.
Die vier Schweizer Waldarten Laubwald, Nadelwald, Mischwald und Auenwald lassen sich natürlich nicht vergleichen.
Aber sowieso, wenn der Vergleich vom Grün herrührte, dann wären auch Irland oder Neuseeland als Schweizer Abbilder bekannt?
Sind sie aber nicht.
Klima
Schweiz: 4 Jahreszeiten. Früher. Wegen der Klimaerwärmung gestaltet sich der Winter zunehmend herbstlich oder frühlingshaft. Wobei neulich fiel auf den letzten Drücker doch noch ein Meter Schnee.
Costa Rica: 2 Jahreszeiten. Trockenzeit im Sommer und Regenzeit im Winter. Früher. Bei unserem Besuch verregnet es uns auch in der Trockenzeit tagelang.
Bei Regen sind in Costa Rica Stromausfälle an der Tagesordnung. Restaurants kochen deshalb «sicherheitshalber» mit Gas.
Ausser dass es in beiden Ländern grünt wie verrückt, scheinen mir die Unterschiede recht gross.
Kulinarik
Gerichte und Chefs
Wir Schweizer essen Fondue, Bratwurst mit Rösti und wir werden von Andreas Caminada in Schloss Schauenstein oder von Silvio Germann im Mammertsberg bekocht.
Die Ticos essen Mais, Reis mit Bohnen und ihre Chefs kochen in San José:
| Restaurant | Chef / Konzept | Besonderheit |
|---|---|---|
| Sikwa | Pablo Bonilla | Erstes costaricanisches Restaurant auf der «Latin America’s 50 Best Restaurants»-Liste. Indigene Zutaten und Techniken neu interpretiert. |
| Silvestre | Santiago Fernández Benedetto | Restaurierte Villa von 1890 in Barrio Amón. 7-Gang «Soul»-Tasting-Menu. |
| El Taller de Billy Sazón | Billy Sazón | Nur 10 Plätze. 12-Gang «Tradition»-Tasting-Menu. |
| DOMA | — | Restauriertes Haus von 1945 in Barrio Escalante. Produkte von costaricanischen Vulkanen und Bergen. |
| Amana | San Pellegrino Young Chef 2024 Finalist | 7-Gang-Tasting-Menu (Do-Sa). Lokale Zutaten, globale Techniken. |
Du ahnst es, von der Kulinarik stammt der Vergleich wohl auch nicht.
Schokolade
Schweizer Schokolade ist weltbekannt, hauptsächlich wegen Werbeträger Roger Federer. Sie basiert aber auf importierten Kakaobohnen. Und Schweizer Kuhmilch natürlich.
Costa Ricas schmackhafte schwarze Schokolade mit hohem Kakaoanteil aus lokaler Produktion war mir nicht bekannt. Aber ich kenne auch keinen costaricanischen Tennisspieler…
Kaffee
Schweiz: Top Kaffee dank globalem Import, high-tech Röstereien, gut ausgebildeten Baristas und Cimbali-Kaffeemaschinen.
Costa Rica: Eigene Kaffeebohnen, gut geschultes Personal. Teilweise stupend feiner Kaffee, manchmal aber auch etwas zu bitter für mich.
Nein, vom «Kaffee-Land Schweiz» kann der Vergleich auch nicht herrühren.
Touristische Infrastruktur
Transport
Wir Schweizer haben einen Schienen-Tick: Bahnen, Zahnradbahnen, Züge wie «Glacier Express» oder «Bernina Express», Seilbahnen, Standseilbahnen, Kursschiffe wie die «Blümlisalp», Autobahnen A1, A2, A3 und so weiter.
In Costa Rica gibt es Busse und Lastwagen. Und Mietwagen für Touristen. Und Geröllpisten, viele Geröllpisten.
Transfers dauern deshalb ewig: Wenige Autobahnen, enge Landstrassen, und sobald ein schwerer Camion mit russenden Auspuffen eine Steigung hochschnaubt, bilden sich lange Kolonnen ungeduldiger SUV-Fahrer.
Vom Transport kann der Vergleich definitiv nicht herrühren.
Strände
Die Schweiz hat den Strand von Yvonand am Neuenburgersee und das Strandbad Mythenquai am Zürichsee.
Costa Rica hat kilometerlange Sandstrände am Pazifik und am Atlantik. Inklusive Landungsplätzen für Meeresschildkröten.
An den Stränden liegt der Vergleich eindeutig nicht.
Gesellschaft und Politik
Grösse und Bevölkerung
In Costa Rica sind Grossfamilien mit bis zu 20 Kindern nicht ungewöhnlich. Wahrscheinlich wegen den regelmässigen Stromausfällen.
In der Schweiz ist man mit 3 Kindern praktisch laufend vom privaten Bankrott bedroht.
Und trotzdem: Auf ungefähr gleicher Fläche zählt die Schweiz fast doppelt so viele Einwohner. Rechnen ist also nicht das, was uns verbindet.
Bildung
Costa Rica hat 64 Universitäten. Ernsthaft!
Das Land ist damit zum Bildungs-Hub für Nord- und Südamerika geworden — IBM, Roche, Amazon u.v.m. lassen sich nicht ohne Grund hier nieder.
Die Schweiz hält mit ETHZ, EPFL und HSG plus Fachhochschulen und dualem Bildungssystem dagegen. Auch nicht schlecht und auch von vielen Firmen sehr geschätzt.
Aber trotz der hohen Bildung weiss praktisch niemand, dass die andern so gebildet sind.
Kaufkraft und Währung
Die Restaurantpreise lesen sich wie daheim: Costa Rica ist teuer wie die Schweiz.
Beim Blick auf die Speisekarte ist man als Schweizer nicht überrascht: «Ah, die Preise sind ja ganz normal».
Erst als dann die Rechnung kommt mit den bereits «normal» hohen Preisen plus Service-Gebühr und Mehrwertsteuer von zusammen zusätzlich 23% wird es ungemütlich.
Gefühlte Sicherheit
Das Gefährlichste, was wir Schweizer hinkriegen, ist die Langstrasse in Zürich. Und die ist im internationalen Vergleich recht harmlos.
In San José wird allenthalben zur Vorsicht geraten. Da uns die dortigen Sehenswürdigkeiten ohnehin nicht ansprechen, machen wir die Probe nicht persönlich und verziehen uns direkt in den Regenwald.
Dort gibt es zwar allerlei gefährliche Jaguare, Schlangen, Spinnen, Kaymane und grüne Giftfrösche mit roten Füssen. Dank unseren Guides scheint uns die Sicherheitslage aber jederzeit entspannt.
Beim Sicherheitsgefühl liegt der Vergleich nicht allzu weit daneben – zumindest, solange man San José meidet.
Abschaffung der Armee
Costa Rica hat seine Armee abgeschafft. 1948.
Der Grund ist erstaunlich pragmatisch: Damit die eigene Armee nicht putscht und die Demokratie untergräbt, wie in zahlreichen zentral- und südamerikanischen Nachbarländern geschehen.
Tipp an die Schweizer GSoA: In Costa Rica hat offenbar das richtige Argument gezogen. Nicht Pazifismus, sondern Putsch-Prävention.
Und hier stimmt der Vergleich plötzlich: zwei neutrale Kleinstaaten, die sich heraushalten. Nur dass Costa Rica konsequenter ist als wir.
Mein Fazit
Der Vergleich hinkt gewaltig – bis auf einen Punkt: die Neutralität. Und da ist Costa Rica sogar konsequenter als die Schweiz.
Sonst? Beides kleine Länder mit viel Grün, hügeliger Landschaft, Trinkwasser aus dem Wasserhahn und prohibitiv teuren Restaurants. Das wars auch schon an Parallelen.
Als Schweizer lohnt sich die Reise trotzdem – gerade weil alles recht anders ist. Entsprechend kommt es einem spanisch vor, wie sie dort sprechen…
