Zwei Farbrechtecke übereinander – dafür nach Florenz?! In die Stadt von Michelangelo und Da Vinci reisen, um moderne amerikanische Malerei anzuschauen?
Katja stellt diese Fragen mit der ihr eigenen Mischung aus Ungeduld und ungläubigem Blick, als ich ein verlängertes Kunstwochenende in Florenz vorschlage.
Meine Antwort: Ja. Genau dafür. Denn einen Mark Rothko kann man nicht erklären, einen Rothko muss man erleben!
Die Ausstellung: Rothko in Florenz im Palazzo Strozzi
Der Grund unserer Reise ist «Rothko in Florence» – die grösste Rothko-Retrospektive, die je in Italien gezeigt wurde.
Kuratiert von Elena Geuna und Christopher Rothko, dem Sohn des Künstlers, versammelt die Ausstellung über 70 Werke aus Sammlungen wie dem MoMA New York, der Tate Modern London und dem Centre Pompidou Paris.
Das Besondere: Die Ausstellung erstreckt sich über drei Orte.
Im Palazzo Strozzi hängt der Hauptteil, chronologisch von den figurativen Anfängen der 1930er-Jahre bis zu den ikonischen Farbfeldern.
Im Museo di San Marco hängen fünf Rothkos in den Mönchszellen – direkt neben den Fresken von Fra Angelico, die Rothko 1950 so faszinierten, dass er am nächsten Tag gleich nochmals hinging.
Und im Vestibül der Laurentianischen Bibliothek, das Michelangelo in den 1520er-Jahren entworfen hat, hängen zwei Studien zu den Seagram Murals.
Rothko stand 1950 in diesem engen, hohen Raum mit der wuchtigen Treppe – und war fasziniert, wie gezielt Michelangelo hier ein Gefühl beklemmender Enge erzeugt.
Mit seinen dunkelroten Seagram Murals wollte er exakt dieselbe Wirkung erzielen. Der beklemmende Effekt der düsteren Rothko-Bilder ist allerdings in der Londoner Tate Modern einprägsamer zu erleben: Dort musste ich erst mal absitzen, als ich in den entsprechenden Raum kam…
Aber auch die lebendigeren rot-gelb-orangen Bilder haben etwas: Die Rechtecke flirren, pulsieren und verschieben sich, je länger man schaut. Bei den übereinanderliegenden Farbschichten ist man sich manchmal nicht mehr sicher, welche vorne und welche hinten ist.
Ich verlasse das Museum jedenfalls einigermassen beduselt.
Anreise mit dem Zug – ein Omen in Orange-Rot
Die Anreise nach Florenz erfolgt bequemerweise im klimatisierten orange-roten Frecciarossa von Trenitalia. «Roter Pfeil» heisst das bei denen.
Aber wer genau hinschaut, sieht: Das ist kein Rot. Das ist Rothko-Orange!
Gleich bei der Ankunft versuche ich Katja auf die Kunstausstellung einzustimmen: Ist das nicht ein herrlich oranger Feuerlöscher?
Rothko sah Fra Angelico, ich sah Trenitalia
Inspiration ist offenbar ansteckend. Rothko sah Fra Angelicos rote Fresken und malte fortan leuchtende Farbfelder.
Ich sehe Rothkos leuchtende Farbfelder und fotografiere fortan…
Wo ich hinschaue: Orange. Rot. Orangerot.
Der rote Linienbus mit Rothko-Beschriftung? Ein fahrendes Ausstellungsplakat.
Der rote Klappstuhl in der Bar? Eine Einladung.
Der Campari Spritz? Ein Farbfeld mit Strohhalm.
Katja beobachtet diese Entwicklung mit wachsender Sorge:
«Du fotografierst einen Feuerlöscher?» – «Nein, ich fotografiere eine Komposition in Rot.» – «Es ist ein Feuerlöscher, Walter!»
Verschiedene Interessen, gleiche Farbe
Meine Motivierungsversuche bleiben erfolglos. Ich zeige Katja die schönsten orangen Feuerlöscher der Stadt und die dynamischsten rot-gelb-blauen Rennbemalungen der Florentiner Garagen. Die sind übrigens auch einengend, eine Raumwirkung, die Rothko bekanntlich schätzte.
Aber dann, am dritten Tag, geschieht es doch. Sie bleibt wie angewurzelt stehen. Ihr Blick: gefesselt. Ihre Haltung: angespannt. Vor ihr: eine Plakatwand. Orange, versteht sich.
Aber letztlich malt auch Katja mit Orange – in Schichten, versteht sich, ganz wie der Meister.
Welcome to Hell: Bei 35 Grad siehst du schnell mal rot
Katja bleibt standhaft. Zwei Farbrechtecke übereinander oder untereinander, mit oder ohne Museumswand drumherum, lassen sie kalt.
Womit wir bei der Temperatur wären. Mitte Juli in Florenz bedeutet: 35 Grad im Schatten, über 20 Grad in der Nacht. Ohne Klimaanlage geht da nichts. Oder nur sehr beschwerlich.
Bei dieser Hitze wird aus Farbfeld-Meditation schnell mal Farbfeld-Halluzination: Florenz im Hochsommer IST ein Rothko – flirrende, warme Farbfelder, in denen man sich verliert.
Die ehrlichste Ortsbeschreibung liefert deshalb die Garageneinfahrt des 25hours Hotels.
Über der Rampe hängt ein Banner in Rothko-Rot: «WELCOME TO HELL!!!».
Und das andere Florenz so?
Den Hintergrund zu (klimatisierten) Kunstausstellungen bieten der Duomo mit Brunelleschis Kuppel, der Ponte Vecchio im Nachmittagslicht oder die Aussicht vom Piazzale Michelangelo über die Dächer der Stadt.
Die kulinarische Grundversorgung sicherst du über Aperol Spritz, Schiacciata-Sandwiches, feine Fischteller vom Branzino (Wolfsbarsch) und Gelato von B.ICE in Borgo Ognissanti.
Rothko in Florence: Die wichtigsten Infos zur Ausstellung
Dauer: 14. März bis 23. August 2026 – die Zeit läuft also!
Orte: Palazzo Strozzi (Hauptausstellung), Museo di San Marco (Rothko neben Fra Angelico in den Mönchszellen), Vestibül der Biblioteca Medicea Laurenziana (Seagram-Studien im Michelangelo-Raum)
Kuratoren: Christopher Rothko (Sohn des Künstlers) und Elena Geuna
Umfang: Über 70 Werke, Leihgaben u.a. von MoMA, Metropolitan Museum, Tate, Centre Pompidou und National Gallery of Art
Tickets: Online-Reservation über palazzostrozzi.org empfohlen, besonders am Wochenende. [PREISE PRÜFEN/ERGÄNZEN]
Anreise nach Florenz mit dem Zug
Von Zürich aus erreicht man Florenz bequem mit einem Umstieg in Mailand: EuroCity nach Milano Centrale, dann Frecciarossa nach Firenze Santa Maria Novella.
Gesamtreisezeit rund 5,5 bis 6 Stunden.
Der Bahnhof Santa Maria Novella liegt mitten in der Stadt – vom Perron zum Palazzo Strozzi sind es keine 15 Gehminuten. [VERBINDUNG/PREISE PRÜFEN]
Hotels
- 25hours Hotel Florenz, jung und frech. Mit lichtdurchflutetem Innenhof und höllischer Tiefgarage
- St. Regis Florenz, gehoben und klassisch
- The Excelsior, ein Luxury Collection Hotel, mit Rooftop Bar und Restaurant
Florenz im Juli: Tipps gegen die Hitze
- Klimaanlage ist nicht verhandelbar. Bei 35 Grad tagsüber und Tropennächten über 20 Grad wird das Hotelzimmer ohne Kühlung zur Sauna. Vor der Buchung explizit prüfen – nicht jedes Altstadt-Hotel ist klimatisiert.
- Früh raus: Zwischen 6 und 9 Uhr gehört die Stadt dir – angenehme Temperaturen, leere Gassen, und das Licht auf den Fassaden ist ohnehin am schönsten.
- Museen als Klimaoasen: Die Rothko-Ausstellung ist klimatisiert. Kunstgenuss und Abkühlung lassen sich also bestens kombinieren – die Mittagshitze verbringst du am besten vor Farbfeldern statt auf Plätzen. Oder in der Siesta, wie die meisten anderen auch.
- Gelato-Frequenz erhöhen: Italienische Gelaterien muss ich nicht separat empfehlen. Die sind eine Institution!
Und Du? Team Rothko oder Team Kiko? Erzähl uns in den Kommentaren, welche Ausstellung Dir zuletzt einen Filter installiert hat – und welche Farbe Dich seither verfolgt.
