Was macht ein Bild wirkungsvoll? Eine Bildanalyse nach dem Vier-Augen-Modell

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Martin Zurmühle über die Bildanalyse nach dem Vier-Augen-Modell. Weshalb wirken Bilder? Wie kommuniziert der Fotograf mit uns und welche Bilder wirken?
Mit diesem Wissen kann man auch selber bessere Fotos machen!

Zeigt Fotografie die Welt so wie sie ist?
Wie kommuniziert der Fotograf?
Welche Wirkung kann man erzielen?

Andreas Kleininger:

Der Fotograf ersetzt seine Augen durch die Kamera

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Aber, das Wesen der Fotografie ist anders als das Auge:

Die Fotografie macht flach

Symbolen wie Perspektive, Kleinteiligkeit, Überdeckungen oder Tiefenschärfe zeugen von Vorder- und Hintergrund und Tiefe.

Die Fotografie rahmt ein

Nur 2% im Zentrum des Sehfelds sehen wir scharf. Die Kamera fängt einen Ausschnitt der Realität ein und zeigt diesen scharf.

Die Fotografie hält die Zeit an

Fotos von Formel 1 oder sonstig sich schnell bewegende Objekte sind vom Auge so nicht wahrnehmbar. Die „Verschlusszeit“ des Auges liegt bei 1/125. Erst bei längeren Belichtungszeiten werden Wasserfälle interessanter. Bei 1/1000 Sekunden Belichtungszeit lassen sich auch fallende Tropfen einfangen.

Die Fotografie setzt einen Fokus

Unser Auge fokussiert immer. In der Fotografie kann man bewusst einen Punkt fokussieren und den Rest unscharf werden lassen je nach Blendeneinstellung.

Die Fotografie verstärkt die Kontraste

Das menschliche Auge kann etwa 16 Blendenstufen auflösen, eine Kamera nur 7 bis 8. Dadurch werden Kontraste verstärkt.

Die Fotografie verändert die Farben

Eine Kamera kann nicht Naturlicht und künstliches Licht gleichzeitig korrekt darstellen. Unser Hirn macht für uns automatisch einen Weissabgleich, indem wir z.B. wissen, dass Bettlaken weiss sind.

Die Fotografie zeigt andere Blickwinkel

Mit einer Kamera ist eine 360 Grad Panorama-Aufnahme möglich.

Die Fotografie stürzt Linien

Gebäudelinien zeigen auf Fotografien perspektivische Fluchten. Hochhäuser scheinen nach oben zusammenzulaufen. Da das menschliche Auge nur punktuell scharf stellt und wir wissen, dass Gebäude gerade stehen, meinen wir gerade Linien zu sehen.

Fazit: Die Fotografie zeigt uns die Welt nicht so wie wir sie mit unseren Augen wahrnehmen.
Eine Fotografie ist keine naturgetreue Wiedergabe, sondern eine Interpretation der Realität.
Uns fasziniert am meisten, was wir nicht sehen: Man sollte an den „Rändern“ der Welt, des Lichts, der Nacht fotografieren.

Martin Zurmühle fotografiert Santiago Calatravas Gebäude in Valencia

Kommunizieren mit Bildern

Kommunikation ist kompliziert. Fotografie ist eine Teilmenge der menschlichen Kommunikation.

Bilder sprechen

Kommunikationsquadrat

Das Kommunikationsquadrat umfasst den Sachinhalt, den Appell, den Beziehungshinweis und die Selbstkundgabe.

Kommunikationsquadrat

Vier-Augen-Modell

Das Vier-Augen-Modell nimmt das Kommunikationsquadrat auf und kommuniziert auf den entsprechenden vier Ebenen. Das Formauge zeigt den Sachverhalt. Das Erzählauge (Mittelalter, Barock) schildert die entsprechende Situation der Aufnahme. Beide zusammen stellen den rationalen Teil dar. Die emotionalen Aspekte werden über das Gefühlsauge (Romantik, Impressionismus) und das Ich-Auge (Moderne) vermittelt.

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Das Modell schafft Ordnung und hilft beim Erkennen von Aussagen.

Form-Ebene

Eine Gabel auf einem Tellerrand kann trotz der simplen Objekte sehr spannungsvoll präsentiert werden.

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Erzähl-Ebene

Bilder von Henri Cartier-Bresson sind sehr ausdrucksstark und fangen den Moment prägnant ein. Seine Bilder sind auch gut gestaltet, Wiederholungen können Bildern starke Kraft verleihen.

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Gefühls-Ebene

Dorothea Lange hat 1933 ein Bild aufgenommen, das um die Welt ging und zu Spenden aufrief. Das Bild appelliert an unser Mitgefühl.

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Ich-Ebene

Helmut Newton hat sich oft selbst ins Zentrum gerückt. Sein Model oder seine Frau sind am Rande auch berücksichtigt.

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These: Durch die Kombination mehrerer Augen werden die Bilder wirkungsvoller. Viele gute Bilder sind diagonalbetont, also Form-Gefühl oder Erzähl-Ich betont.

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Bedeutung der Form

Die Form ist extrem wichtig! Damit können Bezüge geschafft, Proportionen hervorgehoben werden.
Weshalb ist das so? Die Natur ist ungeordnet und chaotisch. Grosse geometrische Formen sind selten und wirken deshalb besonders stark auf uns. Deshalb sind der Mond, Pyramiden, das Meer mit ihren klaren Formen schön und beeindruckend.

Schönheit ist alles was vollständig ist, proportioniert, bunt, harmonisch, klar oder glänzend. Oder besonders hässlich: Beauty and the Beast, Schönheit und Zerfall.

Proportionen wie der goldene Schnitt kommen auch in der Natur vor. Entsprechend orientieren sich schöne Bilder auch am goldenen Schnitt.

Der entscheidende Moment

Venedig ist ein sehr anspruchsvoller Hintergrund: Alle Motive sind bereits bekannt und bereits bestens fotografiert. Aber über einen unerwarteten Moment, z.B. wegen eines Kreuzfahrtschiffs, kann man eine besondere Aufnahme machen.

Der Hintergrund trägt viel zur Erzählwirkung eines Bildes bei.

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In dem Sinne sind Studioaufnahmen oft etwas steril.
Die Authentizität trägt auch stark zur Wirkung bei.

Das Gefühls-Auge

Gefühle sind naturgemäss schwieriger zu fassen als Objekte. Über Mimik und Gestik in der passenden Situation verstehen wir einander, ohne miteinander zu sprechen. Diese Symbole können in der Fotografie genutzt werden: Optische Akkorde (Luftaufnahmen von Dünen), Erinnerungen der Betrachter und Körpersprache sind dankbare Ansätze. Aber, unsere Natürlichkeit bricht zusammen, wenn wir wissen, dass wir fotografiert werden.

Die Fotografie mit Menschen ist eine nonverbale Kommunikation und spricht mit Mimik und Gesten. Man muss fühlen, was man fotografiert, dann werden Fotos stark.

Das Ich-Auge

Fotografie und Kunst: Heute ist Fotografie eine akzeptierte Kunstform. Aber Fotografie per se ist noch kein Kunstwerk, ebensowenig wie Sprache.
Martin Zurmühle: „Das Erlenrnen der Fotografie ist so leicht (oder schwierig) wie das Klavierspielen“…

Der kunstorientierte Fotograf sucht mit der Gestaltung eine Aussage. Digitale Fotokünstler nutzen Fotografie als Hintergrund für ihre „Gemälde“. Und nicht der Fotograf entscheidet, was Kunst ist, sondern der Betrachter!
Aber der Gestaltungswille des Fotografen kann spürbar werden und zeigt sich oft in der Begeisterung für das Motiv.

Martin-Zurmuehle-Fotografie-Bildanalyse-Portraitaufnahme

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About Author

Walter Schärer ist leidenschaftlicher Vielreisender, Taucher, Golfer, Fotograf und Reiseblogger für reisememo.ch. Und Philosoph und Humorist und für Acryl auf Leinwand hat er auch eine Passion. Und über Gourmet-Restaurants schreibt er neuerdings auch noch... Walter ist Mitglied im Swiss Travelwriters Club.

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